Bericht über den

Fachtag 2026

Trauerbegleitung weiter denken - Räume öffnen, Wege gestalten

22. April 2026

Am 22. April 2026 ab 9 Uhr war es soweit: Wir öffneten die Türen des Bildungszentrums Hospitalhof Stuttgart für die rund 450 Teilnehmenden unseres jährlichen Fachtages. Der 17. Fachtag der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie trug den Titel "Trauerbegleitung weiter denken – Räume öffnen, Wege gestalten". Wir haben zusammen mit den Referentinnen, Referenten und den Teilnehmenden einen Blick auf die täglichen Anforderungen und Herausforderungen geworfen, um diesen auch in Zukunft gerecht zu werden.

Die Vorträge und Foren wurden gestaltet von Matthias Meitzler, Prof. Dr. Birgit Wagner, Dr. Dharma Raj Bhusal und Ingo Redenius. Zudem wurden wir wieder wunderbar unterstützt von

Mike Schweizer war es auch, der mit seiner improvisierten Musik den inhaltlichen Teil des Fachtags eröffnete, bevor Susanne Haller, die Leitung der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie, anschließend alle Anwesenden begrüßte.

Auch in diesem Jahr begrüßte Susanne Haller die Teilnehmenden des Fachtags zur Trauerbegleitung und hieß alle Anwesenden herzlich willkommen. Besonders willkommen geheißen wurden auch Dr. Daniela Tausch, ehemalige Gesamtleitung des Hospiz Stuttgart und Mitinitiatorin des ambulanten Hospizdienstes, sowie Helmuth Beutel, der die Entwicklung der Hospizarbeit in Stuttgart maßgeblich mitgeprägt hat. Mit einem kurzen Blick auf die Anfänge der Hospizbewegung wurde deutlich, wie prägend ihr Engagement bis heute ist.

In ihrer Einführung betonte Susanne Haller die gesellschaftliche Relevanz von Trauerbegleitung. Sie machte deutlich, wie viele Menschen jährlich von Verlust betroffen sind und wie komplex Trauerprozesse verlaufen können. Umso wichtiger sei es, Trauer als individuellen Prozess zu verstehen und Betroffene fachlich fundiert sowie achtsam zu begleiten. Gleichzeitig richtete sie den Blick auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen, unter anderem auf neue Fragestellungen im Kontext von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Im Anschluss übergab sie das Wort an den ersten Referenten, Dr. Matthias Meitzler, der mit seinem Vortrag den fachlichen Auftakt der Veranstaltung gestaltete.

Vortrag 1: "Tröstende Algorithmen? Künstliche Intelligenz als Ressource und Herausforderung für die Begleitung und Bewältigung von Trauer" mit Matthias Meitzler

Der Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass sich Trauer und Gedenken im Zuge der Digitalisierung grundlegend verändert haben. Matthias Meitzler machte deutlich, dass neue Formen des Erinnerns entstanden sind: von virtuellen Friedhöfen über soziale Medien bis hin zu digitalen Erinnerungsräumen, die Trauer zunehmend orts- und zeitunabhängig machen.
Im Zentrum seines Vortrags stand die Frage, welche Rolle Künstliche Intelligenz im Umgang mit Trauer spielen kann. So eröffnen neue Technologien die Möglichkeit eines "digitalen Weiterlebens“, indem Verstorbene durch Chatbots oder Avatare in ihrer Kommunikation nachgebildet werden und ein scheinbarer Austausch möglich wird. Gleichzeitig wies Meitzler darauf hin, dass es aufgrund der noch geringen Verbreitung bislang an umfassenden wissenschaftlichen Erkenntnissen fehlt.
Neben diesen Entwicklungen beleuchtete er konkrete Einsatzmöglichkeiten von KI in der Trauerbegleitung, etwa bei der Aufbereitung von Erinnerungsmaterial oder durch niedrigschwellige Gesprächsangebote. Darin liegen Chancen, insbesondere durch die ständige Verfügbarkeit und individuelle Zugänglichkeit.
Gleichzeitig machte er deutlich, dass damit auch Risiken verbunden sind. Dazu zählen unter anderem Datenschutzfragen, mögliche Fehleinschätzungen, emotionale Abhängigkeiten sowie ökonomische Interessen und Manipulationspotenziale. Im schlimmsten Fall können solche Anwendungen den Trauerprozess sogar beeinträchtigen.
Als Fazit hielt er fest, dass Künstliche Intelligenz Trauerprozesse verändern und unterstützen kann, jedoch ein reflektierter Umgang notwendig ist.

Nach einer Pause, während der die Teilnehmenden beim Info-Tisch von der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie, bei WALA oder den Bücherverkäufen durch den OVIS-Verlag sowie dem hospiz-Verlag stöbern konnten, folgte der Vortrag von Prof. Dr. Birgit Wagner.

Vortrag 2: "Trauer und psychosoziale Folgen für Angehörige betroffen von assistiertem Suizid" mit Prof. Dr. Birgit Wagner

Birgit Wagner widmete sich in ihrem Vortrag den psychosozialen Folgen für Angehörige nach einem assistierten Suizid und rückte damit eine bislang noch wenig erforschte Perspektive in den Fokus, zu der es bislang nur wenige evidenzbasierte Erkenntnisse gibt.
Anhand aktueller Entwicklungen zeigte sie auf, dass die Zahl assistierter Suizide zunimmt und sich daraus neue Fragestellungen für die Begleitung ergeben. Auffällig ist, dass assistierter Suizid häufiger von Frauen, insbesondere im höheren Lebensalter, in Anspruch genommen wird, während Männer eher zu nicht assistierten Suizidformen tendieren.
Im Zentrum ihres Vortrags stand die Situation der Angehörigen, die häufig bereits vor dem assistierten Suizid mit belastenden Entscheidungen konfrontiert sind. Fragen nach der eigenen Rolle, der Unterstützung der sterbewilligen Person oder der Gestaltung des Abschieds können zu inneren Konflikten und moralischen Dilemmata führen. Auch die konkrete Planung des Sterbetages sowie die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Verlust stellen eine besondere Herausforderung dar.
Für die Zeit nach dem Suizid zeigte Wagner auf, dass Trauerverläufe zwar teilweise mit denen nach natürlichen Todesfällen vergleichbar sind, jedoch zusätzliche Belastungsfaktoren hinzukommen können. Dazu zählen unter anderem Stigmatisierung, soziale Isolation oder die Schwierigkeit, offen über die Todesumstände zu sprechen.
Es wurde deutlich, dass Angehörige häufig wenig Unterstützung erfahren und in ihrer Situation leicht übersehen werden. Umso wichtiger ist es, diese Perspektive stärker in den Blick zu nehmen und passgenaue, niedrigschwellige Unterstützungsangebote zu entwickeln.

Zum Mittagessen servierte das Kulturwerk ein Kartoffel-Curry, wahlweise mit Reis oder Bulgur. Das sonnige Wetter lud dazu ein, die Pause im Innenhof des Hospitalhofs zu verbringen und bei einem Kaffee vom Café Hibou die Atmosphäre sowie die angeregten Gespräche zu genießen. Gut gestärkt für den Nachmittag verteilten sich die Teilnehmenden im Anschluss auf die vier Foren.

Foren

Forum 1

Forum 1: "Digitales Weiterleben. Avatare Verstorbener im Spannungsfeld von Trauer, Technologie und Erinnerungskultur." mit Matthias Meitzler

Das Forum von Matthias Meitzler bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, die zuvor im Vortrag angesprochenen Themen weiter zu vertiefen und gemeinsam zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen Chancen und Risiken digitaler Anwendungen und Künstlicher Intelligenz in der Trauerbegleitung.
Dabei wurde eine ambivalente Haltung deutlich: Einerseits können Chatbots oder Avatare neue Zugänge eröffnen, etwa indem sie helfen, Unausgesprochenes zu formulieren oder Erinnerungen auf neue Weise erlebbar zu machen. Andererseits wurden auch kritische Fragen diskutiert, insbesondere im Hinblick auf die zugrunde liegenden Daten, mögliche Verzerrungen sowie rechtliche und ethische Aspekte wie den digitalen Nachlass. Zudem wurde die Sorge geäußert, dass solche Anwendungen trotz ihrer ständigen Verfügbarkeit zu einer stärkeren Abhängigkeit führen oder den Bezug zur realen Welt beeinträchtigen könnten. Umso wichtiger sei es, den Realitätsbezug zu erhalten und digitale Angebote durch menschliche Begleitung zu ergänzen. Gleichzeitig wurde betont, dass digitale Formate – etwa Online-Angebote oder der Einsatz von KI zur Unterstützung in der Praxis – neue Möglichkeiten der Teilhabe eröffnen können. Es wurde deutlich, dass ein reflektierter und verantwortungsvoller Umgang mit diesen Entwicklungen notwendig ist.

Forum 2

Forum 2: "Erfahrungen in der Begleitung trauernder Angehöriger nach assistiertem Suizid" mit Prof. Dr. Birgit Wagner

Das Forum von Birgit Wagner bot Raum für einen intensiven Austausch zu den Erfahrungen in der Begleitung von Angehörigen nach einem assistierten Suizid. Anhand von qualitativen Studienergebnissen sowie Erfahrungen aus der Beratungspraxis wurden die besonderen Belastungen von Angehörigen näher beleuchtet.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Herausforderungen Angehörige vor, während und nach einem assistierten Suizid erleben können. Dabei wurde deutlich, dass alle Phasen von emotionaler Ambivalenz geprägt sein können, etwa durch moralische Konflikte, Angst, Geheimhaltung oder die konkrete Planung des Sterbetages. Auch die Zeit nach dem Verlust kann durch Isolation, Stigmatisierung und belastende organisatorische Abläufe zusätzlich erschwert werden.
Die Teilnehmenden setzten sich zudem damit auseinander, welche Haltung in der Begleitung hilfreich sein kann und wie ein sensibler, offener Umgang gestaltet werden sollte. Der gemeinsame Austausch regte dazu an, die eigene Rolle zu reflektieren und die Bedeutung unterstützender Begleitung für Angehörige stärker in den Blick zu nehmen.

Forum 3

Forum 3: "Bedeutung und Herausforderung der Interkulturellen Hospizarbeit und Diskriminierung/Rassismus Erfahrungen in Sterbe und Trauerprozessen" mit Dr. Dharma Raj Bhusal

Dharma Raj Bhusal stellte die Arbeit des interkulturellen Hospizdienstes Dong Ban Ja Berlin vor. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie unterschiedlich kulturelle Vorstellungen von Sterben und Abschied sein können. Während in vielen Herkunftskulturen Gemeinschaft, Rituale und vertraute Speisen eine zentrale Rolle spielen, ist der Abschied in Deutschland häufig stärker privatisiert, was für Menschen mit Migrationsgeschichte herausfordernd sein kann.
Dr. Bhusal machte deutlich, dass sprachliche Barrieren, fehlende Informationen und geringe Kenntnisse des Versorgungssystems die Begleitung zusätzlich erschweren. Auch Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen können Sterbe- und Trauerprozesse belasten und den Zugang zu Unterstützung erschweren.
Eine kultursensible und respektvolle Kommunikation sei daher zentral, um Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Die Arbeit des Vereins zielt darauf ab, "ein Stück Heimat“ im Sterbeprozess zu ermöglichen, insbesondere durch den Einsatz von Ehrenamtlichen mit passenden sprachlichen, kulturellen und religiösen Hintergründen.
Abschließend wurde betont, wie wichtig es ist, mehr Raum für unterschiedliche Sterbe- und Trauerrituale in Deutschland zu schaffen und interkulturelle Angebote weiter auszubauen.

Forum 4

Forum 4: "Trauern. Spielen. Erinnern. Games als kreative Zugänge zur Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen" mit Ingo Redenius

Am Beispiel von Minecraft zeigte Ingo Redenius, wie Erinnerungswelten entstehen können und verdeutlichte, dass Gaming für viele Kinder und Jugendliche ein selbstverständlicher Teil ihrer Lebenswelt ist. Im Spiel werden grundlegende Bedürfnisse angesprochen, Erfahrungen ausprobiert und verarbeitet sowie Erlebnisse aus der realen Welt reflektiert. Auch seine eigene Auseinandersetzung mit Trauer habe er teilweise über das Spielen verarbeitet.
Er gab Einblicke in sogenannte trauerzentrierte und „death positive“ Games, die sich explizit mit Verlust, Tod und Abschied auseinandersetzen – entweder über symbolische Zugänge oder durch eine direkte thematische Konfrontation. Ebenso zeigte er Beispiele für Trauerrituale in Online-Spielen, bei denen Gemeinschaften virtuelle Abschiedsformen entwickeln.
Im Anschluss setzten sich die Teilnehmenden in einer praktischen Übung damit auseinander, wie Games in der eigenen Arbeit eingesetzt werden könnten, welche Chancen sich daraus ergeben und welche Risiken zu berücksichtigen sind. Dabei wurde deutlich, dass digitale Spiele auch in der Trauerbegleitung von Bedeutung sind.

 

Nach der Kaffeepause kamen alle Teilnehmenden erneut im Plenum zusammen. Dr. Thomas Strahleck, Dr. Nicole Pakaki, Dr. Katrin Pfersdorf und Dr. Kathrin Nowak gaben in kurzen Rückblicken einen Überblick über die Inhalte der einzelnen Foren.

Zum Abschluss verwies Susanne Haller bereits auf den nächsten Fachtag am 28. April 2027, der sich dem Thema Palliativversorgung widmen wird, und verabschiedete die Teilnehmenden.

Ein herzlicher Dank gilt allen, die durch ihre Mitwirkung und Unterstützung zum Gelingen dieses Fachtags beigetragen haben!